Ein Gedächtnisprotokoll nach einem Behandlungsfehler hilft, Beschwerden, Einschränkungen und finanzielle Folgen frühzeitig festzuhalten.
Darum ist ein Gedächtnisprotokoll sinnvoll
Verfahren wegen eines Behandlungsfehlers dauern häufig längere Zeit. Nach Monaten oder Jahren lässt sich aber oft nicht mehr genau sagen, wann bestimmte Beschwerden in welcher Intensität aufgetreten sind, wie lange Unterstützung notwendig war, ab welchem Zeitpunkt einzelne Tätigkeiten wieder möglich waren oder welche Ausgaben entstanden sind.
Ich empfehle meinen Mandantinnen und Mandanten daher regelmäßig, möglichst früh ein Gedächtnisprotokoll anzulegen und laufend zu ergänzen. Es geht dabei nicht darum, jeden Tag seitenlange Aufzeichnungen anzufertigen. Stichworte und kurze, konkrete Einträge reichen vollkommen aus.
Beschwerden und Einschränkungen festhalten
Bei Beschwerden ist nicht nur entscheidend, dass sie vorhanden waren. Wichtig sind auch ihre Dauer, Intensität und Entwicklung. Gesundheitliche Schäden zeigen sich häufig nicht nur in Form von Schmerzen. Betroffene können bestimmte Bewegungen nicht mehr ausführen, Wege nicht mehr zurücklegen oder alltägliche Tätigkeiten nur noch eingeschränkt bewältigen.
Festgehalten werden sollte beispielsweise:
- Wann und wo sind welche Schmerzen/Beschwerden aufgetreten?
- Wie stark waren sie und wodurch wurden sie verstärkt? Ruheschmerz?
- Welche Bewegungen waren nicht oder nur eingeschränkt möglich? Zeitraum?
- Wie lange bestanden im Alltag Einschränkungen? Welche?
- Welche Medikamente oder Therapien waren notwendig?
Auch Verbesserungen und Verschlechterungen sollten mit Datum vermerkt werden. Eine sachliche, zeitnahe Dokumentation ist später wesentlich hilfreicher als eine pauschale Erinnerung.
Hilfe im Haushalt dokumentieren
Kann ein Patient den Haushalt nicht mehr selbstständig führen, übernehmen häufig Angehörige oder Freunde notwendige Arbeiten. Auch eine solche unentgeltliche Unterstützung kann rechtlich von Bedeutung sein. Deshalb sollte möglichst konkret festgehalten werden, wer geholfen hat, welche Tätigkeiten übernommen wurden, wie oft die Hilfe notwendig war, wie viel Zeit dafür ungefähr aufgewendet wurde und über welchen Zeitraum der Unterstützungsbedarf bestand.
Typische Tätigkeiten im Haushalt sind beispielsweise Einkaufen, Kochen, Putzen, Wäschewaschen, Gartenarbeit oder Schneeräumen. Je größer die Familie ist, desto und aufwändiger sind die anfallenden Arbeiten. Viele sind überrascht, wie viel Zeit die tägliche Haushaltsführung tatsächlich in Anspruch nimmt, sobald sie bewusst darauf achten.
Pflege und Betreuung gesondert erfassen
Von der Hilfe im Haushalt zu unterscheiden sind persönliche Pflege- und Betreuungsleistungen. Dazu zählen beispielsweise Hilfe beim Anziehen, Duschen, Aufstehen, Gehen, bei der Körperpflege, beim Verbandswechsel oder bei Arztbesuchen. Auch nächtliche Betreuung oder die Begleitung aus Angst vor Stürzen kann eine Rolle spielen.
Auch hier sollten die Art der Unterstützung, die helfende Person, der ungefähre Zeitaufwand und der Zeitraum dokumentiert werden. Wie bei der Unterstützung im Haushalt, ist auch hier die unentgeltliche Hilfe durch Angehörige nicht bedeutungslos. Der Schädiger soll nicht allein deshalb entlastet werden, weil Familienmitglieder die notwendige Pflege freiwillig übernommen haben.
Fahrten und Ausgaben aufschreiben
Nach einem Behandlungsfehler entstehen häufig zahlreiche kleinere Kosten, die gerne übersehen werden. Dazu zählen insbesondere Fahrten zu Ärzten, Krankenhäusern, Therapien, Apotheken oder Begutachtungen. Bei Fahrten mit dem eigenen Auto sollten Datum, Ziel, Zweck und Kilometeranzahl notiert werden. Rechnungen, Fahrscheine, Taxibelege, Parkscheine und Zahlungsbestätigungen sollten gesammelt werden.
Gleiches gilt für Ausgaben für Medikamente und Verbandsmaterial, Therapien und Selbstbehalte, Heilbehelfe und Hilfsmittel sowie notwendige Umbauten oder sonstige Mehrkosten.
Mitunter sind Patienten nicht in der Lage, medizinische Termine alleine wahrzunehmen. Sie müssen gefahren, begleitet oder während eines stationären Aufenthalts besucht werden. Auch solche Aufwendungen sollten dokumentiert werden. Dazu gehören die Fahrtstrecke, Parkkosten, die Dauer der Begleitung und gegebenenfalls ein Verdienstentgang der Begleitperson. Ob diese Kosten im Einzelfall ersatzfähig sind, hängt von ihrer medizinischen und tatsächlichen Notwendigkeit ab. Ohne entsprechende Aufzeichnungen lassen sie sich später allerdings kaum mehr nachvollziehen.
Verdienstentgang im Auge behalten
Gesundheitliche Einschränkungen können auch zu Einkommensverlusten führen.
Arbeitnehmer sollten Krankenstandsbestätigungen, Lohnabrechnungen und allfällige Kürzungen des Einkommens aufbewahren. Auch entgangene Zulagen, Überstunden oder Provisionen können eine Rolle spielen.
Bei Selbstständigen ist die Berechnung meist schwieriger. Sie sollten daher möglichst früh festhalten, welche Aufträge abgesagt oder nicht ausgeführt werden konnten, ob Ersatzkräfte beschäftigt werden mussten und welche zusätzlichen Kosten entstanden sind.
Weitere Auswirkungen nicht vergessen
Gesundheitliche Folgen betreffen häufig auch die persönliche Lebensführung. Sport, Hobbys, Reisen, Spaziergänge oder gemeinsame Unternehmungen mit der Familie können über längere Zeit nicht möglich sein. Auch solche Einschränkungen sollten in angemessenem Umfang dokumentiert werden. Sie können für die Beurteilung der gesamten Beeinträchtigung und des Schmerzengeldes von Bedeutung sein.
Sachlich und regelmäßig dokumentieren
Ein Gedächtnisprotokoll bei einem Behandlungsfehler soll den tatsächlichen Verlauf wiedergeben. Beschwerden sollten weder verharmlost noch übertrieben werden. Auch Verbesserungen gehören daher in die Aufzeichnungen. Am besten wird das Protokoll regelmäßig ergänzt, insbesondere dann, wenn sich der Gesundheitszustand wesentlich verändert oder neue Kosten entstehen. Eine einfache Tabelle mit Datum, Beschwerden, Einschränkungen, erhaltener Hilfe, Zeitaufwand, Fahrten und Ausgaben genügt meist.
Das Gedächtnisprotokoll ersetzt weder die Krankengeschichte noch ärztliche Befunde. Es kann aber wesentlich dazu beitragen, die gesundheitlichen, persönlichen und finanziellen Folgen später vollständig und nachvollziehbar darzustellen.
Sie haben Fragen rund um das Thema Medizinrecht? Oder sind selbst von einem Behandlungsfehler betroffen? Schreiben Sie mir gerne.