Wenn Fehler unsichtbar bleiben - Patrick Beichl | Medizinrecht-Blog

Wenn Fehler unsichtbar bleiben

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Wenn Fehler unsichtbar bleiben

Eine offene Fehlerkultur erhöht die Patientensicherheit.

Dort, wo Menschen arbeiten, passieren Fehler. Und auch die Medizin macht hier keine Ausnahme. Entscheidend ist jedoch, wie damit umgegangen wird. Dieser Beitrag zeigt, warum eine offene Fehlerkultur Patienten schützt, weshalb Probleme verschwiegen werden und welche medizinischen/rechtlichen Folgen es hat, wenn Wesentliches nicht ausgesprochen wird.

Was bedeutet „Fehlerkultur“?

Unter einer offenen Fehlerkultur versteht man die Bereitschaft, Behandlungsfehler oder kritische Zwischenfälle ehrlich anzusprechen und diese auch als Lernchance zu begreifen – intern wie extern. Es geht darum zu verstehen, was passiert ist und warum. Der Fehler soll sich nicht wiederholen. Die Frage darf nicht sein, wer den Fehler begangen hat. In der Realität bleibt jedoch Vieles im Verborgenen. Offenheit nach außen ist selten, obwohl gerade sie essentiell wäre, um Vertrauen zu stärken und Risiken künftig zu minimieren oder gar zu vermeiden.

Fehlermanagement

Fehlermanagement meint jene organisatorischen Abläufe, wie Ärzte oder Krankenhäuser mit Zwischenfällen umgehen: Interne Analysen, Dokumentation, systematische Aufarbeitung und nicht zuletzt das Erkennen von Fehlern.

Ob oder inwieweit derartige Systeme in Krankenanstalten oder Ordinationen tatsächlich gelebt werden, bleibt für Patienten in aller Regel unsichtbar. Im Zuge einer Internetrecherche habe ich nur wenige Kliniken gefunden, die das Wort Fehler oder Fehlerkultur überhaupt in den Mund nehmen und darlegen, welche konkreten Maßnahmen tatsächlich für die Patientensicherheit getroffen werden.

Es klingt meist so, wie es etwa auf der Website der Vorarlberger Landeskrankenhäuser nachzulesen ist (https://www.landeskrankenhaus.at/leistungsangebot/fuer-patienten/anliegen#editor1, zuletzt aufgerufen am 5.12.2025):

Informations- und Beschwerdestelle – Die Informations- und Beschwerdestelle nimmt die Rechte und Interessen der Patient*innen wahr. Es werden Beschwerden betreffend Unterbringung, Versorgung, Betreuung und Heilbehandlung bearbeitet und Auskünfte über den Aufenthalt erteilt. Nebst der negativen Kritik nimmt die Informations- und Beschwerdestelle auch Lob- und positive Kritik entgegen und werden Anregungen zu Verbesserungen weiterführend bearbeitet und geprüft.”

Derartige Texte beschreiben zwar, dass Beschwerden „bearbeitet“, Auskünfte „erteilt“ und Anregungen „geprüft“ werden, allerdings zeigt es auch, wie weit eine Klinik mit diesen Formulierungen von einer echten Fehlerkultur entfernt ist. Solche Passagen wirken wie eine administrative Meldepflicht, nicht wie ein Bekenntnis zu Transparenz oder Lernbereitschaft. Es fehlt jede Aussage darüber, ob Fehler als Chance zur Verbesserung verstanden und wie Zwischenfälle intern aufgearbeitet werden oder ob Patienten überhaupt eine Rückmeldung erhalten.

Eine gelebte Fehlerkultur würde anerkennen, dass Fehler passieren können und offen kommunizieren, wie damit umgegangen wird. Derartige Texte vermeiden jedoch von vornherein und ganz bewusst jede Form von Verantwortungsübernahme. Klare Aussagen zur tatsächlichen Aufarbeitung fehlen. Es bleibt offen, wozu mögliche Beschwerden führen sollen oder ob diese Anlass zu echten Veränderungen in Richtung mehr Patientensicherheit sein könnten.

Transparenz?

Eine funktionierende Fehlerkultur bedeutet in der Medizin vor allem eines: Offenheit. Diese Offenheit wäre nicht nur intern von Bedeutung, sondern müsste – zumindest dort wo es den Patienten betrifft – auch nach außen spürbar sein. Fehler sichtbar zu machen, schafft die Grundlage dafür, aus ihnen zu lernen und ähnliche Situationen künftig zu vermeiden. In der Theorie herrscht über diesen Anspruch vermutlich weitgehend Einigkeit. In der Realität findet sich jedoch of ein anderes Bild. Falls es in Krankenanstalten intern tatsächliche eine offene Fehlerkultur und ein funktionierendes Fehlermanagement gibt, tritt dies nach außen regelmäßig nicht in Erscheinung. Aber warum eigentlich nicht?

Warum Fehler oft nicht angesprochen werden

Dass Fehler nicht sofort, nur zum Teil, kryptisch formuliert oder gar nicht thematisiert werden, hat mehrerlei Gründe. Die Angst vor Schuldzuweisung spielt sicher eine sehr zentrale Rolle. Ein Fehler wird schnell als persönliches Versagen empfunden. Solange eine Klinik keine offene Fehlerkultur lebt und Ärzte sich selbst nicht zugestehen (dürfen), dass auch ihnen Fehler passieren können, wird derjenigen, dem ein Fehler unterläuft, kaum offen darüber sprechen.

Auch führen haftungsrechtliche Überlegungen dazu, dass Krankenhäuser und einzelne Behandler sehr zurückhaltend kommunizieren. Es besteht nach meiner Erfahrung der rechtliche Irrglaube, dass einem Patienten gegenüber ein Behandlungsfehler nicht eingeräumt werden darf, weil dann der Versicherungsschutz verlorengehen würde. Richtig ist in diesem Zusammenhang zwar, dass ohne Rücksprache mit der Haftpflichtversicherung kein rechtsverbindliches Anerkenntnis von Schadenersatzansprüchen abgegeben werden darf. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass es Ärzten untersagt wäre, einen Fehler anzusprechen und zuzugeben. Aus meiner Sicht ist Gegenteiliges der Fall: Im Rahmen der Aufklärung ist der Arzt sogar verpflichtet, dem Patienten reinen Wein einzuschenken und ihm zu erklären, was bei der Behandlung passiert ist.

Die Folgen für Patienten

Für Patienten ist mitunter nicht nur der eigentliche Fehler gravierend, sondern meist auch das, was danach passiert. Wenn ein Zwischenfall nicht angesprochen wird, bleibt unter Umständen auch der Schaden verborgen oder wird (zu spät) erkannt. Das kann in der Nachbehandlung massive Folgen haben. Wie soll eine adäquate Therapie in die Wege geleitet werden, wenn der Fehler Grund für Schmerzen und Beschwerden ist, das aber in der Krankengeschichte nicht festgehalten ist? Zweifellos wirkt sich eine ungesunde Fehlerkultur auf die Gesundheit eines Patienten aus.

Mangelnde Transparenz führt aber auch in juristischer Hinsicht zu Problemen. Eine unklare, unrichtige oder lückenhafte Dokumentation erschwert es Betroffenen, Behandlungsfehler nachzuweisen. Eigentlich berechtigte Schadenersatzansprüche rücken so in weite Ferne.

Hinzu kommt mitunter auch ein Vertrauensverlust. Viele Patienten spüren intuitiv, dass etwas nicht stimmt, wenn Erklärungen ausweichend, unpräzise oder gar widersprüchlich sind. Dieser Eindruck prägt das Verhalten zur gesamten Einrichtung.

Das Second-Victim-Phänomen

Einen weiteren Aspekt, der außerhalb der Ärzteschaft weitgehend unbekannt sein dürfte, möchte ich nicht unerwähnt lassen: Fehler treffen nicht nur Patienten. Auch die beteiligten Ärzte können darunter massiv leiden. Schuldgefühle, Selbstzweifel oder existentielle Sorgen gehören zu den typischen Reaktionen. Man spricht vom Second-Victim-Phänomen. Eine offene Fehlerkultur würde daher nicht nur Patienten schützen, sondern auch Behandler entlasten, die Fehler da nicht mehr alleine tragen müssten oder aus Angst in eine Verteidigungshaltung gedrängt werden. Dass das wiederum Auswirkungen für künftige Patienten des betroffenen Arztes haben könnte, scheint naheliegend.

Worum es wirklich geht

Mir geht es nicht darum, einzelne Ärzte bloßzustellen, mit dem Finger auf sie zu zeigen und ihnen vorzuhalten, was für schlechte Mediziner sie doch seien. Ich habe keinen Zweifel, dass die allermeisten Ärzte verantwortungsvoll handeln und auch unter extremem Zeitdruck das Richtige tun wollen. Die überwiegende Anzahl an Behandlungen entspricht nicht nur dem Stand der medizinischen Wissenschaft, sondern trägt auch konkret zu einem Behandlungserfolg bei – das steht für mich außer Frage.

Allerdings bin ich auch der festen Überzeugung, dass Schadenersatz geleistet werden soll, wenn tatsächlich einmal ein Fehler passiert. Natürlich geht es auch darum, dass vermeidbare Fehler nicht ein zweites Mal begangen werden. Transparenz, vollständige Dokumentation und ehrlicher Umgang mit Zwischenfällen sind dafür zentrale Bausteine. Eine offene Fehlerkultur schützt Patientinnen und Patienten – und sie schützt schließlich auch jene, die täglich versuchen, Patienten zu helfen. Nur wenn sichtbar wird, was passiert ist, kann sich etwas ändern.

Patrick Beichl


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