Viele Patientinnen und Patienten gehen davon aus, dass in einer Krankengeschichte alles vollständig und objektiv dokumentiert ist. In den meisten Fällen mag das zutreffen. Trotzdem zeigt die Praxis. Eine Krankengeschichte sollte man nicht nur lesen – man sollte sie auch kritisch hinterfragen. Das bedeutet nicht, dass man automatisch misstrauisch sein muss. Aber es ist durchaus sinnvoll, genauer hinzusehen.
Verschiedene Teile der Krankengeschichte
Eine Krankengeschichte besteht aus unterschiedlichen Dokumentationen – etwa von Ärzten, Pflegepersonal oder anderen Fachabteilungen. Diese Dokumentationen sollten grundsätzlich ein stimmiges Gesamtbild ergeben. In der Praxis kommt es aber immer wieder vor, dass Unklarheiten bestehen und Fragen offen bleiben.
Ein Beispiel aus meiner anwaltlichen Tätigkeit: In der ärztlichen Dokumentation war festgehalten, dass eine Fußheberschwäche erst kurz vor einer Operation aufgetreten sei. Die Dokumentation der Stationspflege zeigte jedoch etwas anderes: Dort war die Parese bereits drei Tage zuvor vermerkt. Für die medizinische Beurteilung kann ein solcher Unterschied sehr relevant sein – etwa wenn es darum geht, ob eine Operation früher hätte durchgeführt werden müssen. Solche Widersprüche fallen allerdings oft erst auf, wenn man alle Teile der Krankengeschichte sorgfältig miteinander vergleicht.
Was nicht dokumentiert ist
Eine operative Sanierung nach einem Oberarmbruch verlief nach dem Inhalt des (vom Operateur verfassten) OP-Berichts völlig ohne Besonderheiten ab. Leider habe sich dennoch eine mehrfache Oberarmschaftfraktur ereignet. Hingegen ergab sich aus einem Eintrag im Ambulanzbericht (mehrere Wochen nach der OP), dass während der Operation der Bildwandler ausgefallen war – also ein wichtiges Gerät zur intraoperativen Bildkontrolle.
Der Sachverständige erklärte, dass ohne Bildwandler nicht weiter operiert hätte werden dürfen. Er gab auch an, dass er anhand des OP-Berichts und ohne den Eintrag im Ambulanzbericht keinen Behandlungsfehler erkennen hätte können. Pikant: der spätere Eintrag in der Ambulanzkarte stammte auch vom Operateur, der seinen ursprünglichen OP-Bericht also richtigstellte. Warum der Sachverhalt nicht von Anfang richtig wiedergegeben wurde, konnte nicht geklärt werden…
Menschliche Dokumentation
Auch solche Fälle zeigen: Die Dokumentation enthält nicht immer jedes Detail, das für die spätere Beurteilung einer Behandlung wichtig sein kann. Ohne einen Generalverdacht erheben zu wollen, zeigt die Erfahrung: Wenn es um mögliche Probleme oder Schwierigkeiten geht, wird in medizinischen Dokumentationen manchmal eher defensiv formuliert. Das ist menschlich nachvollziehbar.
Gleichzeitig bedeutet es aber auch, dass eine Krankengeschichte nicht immer automatisch das vollständige Bild einer Behandlung liefert. Und – gänzlich ohne Vorwurf oder Wertung – natürlich sind ärztliche Aufzeichnungen auch nicht objektiv, sondern so subjektiv wie ein Tagebuch.
Fazit
Die Krankengeschichte ist ein zentrales Dokument der medizinischen Behandlung. Sie ermöglicht es, nachzuvollziehen, was im Krankenhaus passiert ist. Gleichzeitig zeigt die Praxis immer wieder: Man sollte eine Krankengeschichte nicht nur lesen – man sollte sie auch hinterfragen. Man muss nicht alles in Zweifel ziehen, was dort steht. Aber ein kritischer Blick kann helfen, bestimmte Auffälligkeiten oder entscheidende Details zu erkennen, die sonst leicht übersehen werden.